Donnerstag, 25. Mai 2006
Alle reden vom Wetter


Wir auch.

Weil wir uns eins fühlen mit dem Negativen daran? Eine gewagte Überinterpretation. Das tut, auf ihre Art, die bloggende Neue Innerlichkeit. Zu hauf übrigens. Weil wir zu den Dreckspropheten der Klimaverschmutzung gehören und klammheimliche Freude daran haben? Um Himmels willen, nein!

Der Blick durch die Scheibe legt es einfach manchmal nahe. Die Perspektive über die engeren Kontexte des Verstehens weitend, Zufall also. In diesem Sinne - reden wir über das Wetter: Wolkenbilder, Lichtwechsel, Farbenspiele. Gute, lesenswerte Interpretationen des Sichtbaren zielen bisweilen auf das Erzeugen von Mehrdeutigkeiten, nicht Eindeutigkeit. Das kann schief gehen, klar. Vor allem wenn man die Horizonte nicht unmittelbar vollständig einsehen oder begrenzen kann. Da hilft dann im Zweifel der Diskurs.

Das Studium des Wetters, immerhin, schärft die Gefühligkeit dafür, dass man irren kann. In der Meterologie, wie in der Hermeneutik. "Der Wind hat mir ein Lied erzählt." Dabei waren es nur vereinzelte, nicht auf einen berechenbaren Ursprung zurückführbare Windböen. Verzeichnungen, ohne festen Zusammenhang und ohne ganz so tiefen Sinn. Meine ich.

Für ungewollte Missverständnisse aller Art: Sorry!

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Freitag, 19. Mai 2006
Das Schweigen im Walde
Grosse Reden schwingen ist ihre Sache nicht. Konversation machen auch nicht. Dieses Klischee über die Finnen ist bekannt, dennoch hat mich der Anblick des schweigsamen, grübelnden Teilnehmers einer europäischen Tagung seinerzeit so sehr beunruhigt, dass ich mich aufgefordert fühlte, dem Finnen in den Pausen wohlmeinende Gesprächsangebote zu machen. Die parierte er gekonnt einsilbig. Funkstille.

Beim Weg zum Restaurantbesuch, am Rhein entlang, nächster Versuch, dabei mit Blick auf das noch düsterer werdende Mienenspiel vorbeugend den kurzen Weg zwischen dem Finnen und dem tödlichen Strom blockiert. Sicherheitshalber. Man weiss ja nie.

Beim Essen, nicht locker lassend, den Platz neben ihm gesichert und dann, in den nicht durch Essen legitimierten Sprechpausen, alle Register gezogen: Fussball, Autos, Film, Literatur, Musik... Reisen...und... und...das letzte Mittel: Politik. Nichts!

Mit einem Glas Roten wurde meine Kapitulation begossen und das langsame Abgleiten ins Selbstgespräch beschleunigt. Als ich in weiss Gott was für einer Assoziationskette auf meine Forstrechte in den Wäldern des Fürsten zur Tralala zu sprechen kam passierte das unfassbare: Die nächsten eineinhalb Stunden gehörten dem Finnen. Ohne Punkt und Komma redete er, der auch Waldgrundstücke besaß, nun auf mich ein. Mit der Emphase eines cholerischen Süditalieners fabuliere er drauflos. Und seit dem weiss ich einfach alles über finnisches Forstrecht, Festmeterpreise wie sie die Papierindustrie zahlt, die typischen Baumkrankheiten nördlich des Polarkreises und einzigartige Tricks gegen ungebetenen Besuch von Bären. Ein seltsames Völkchen.



Finnen sind verrückt nach Tango und dem Eurovision Song Contest. Das sollte man halt auch wissen. Verstehen muss man es nicht.

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Dienstag, 16. Mai 2006
Antiquaria: Die Widmung
Am 6. März 2000 schrieb Stefan Kühl , seinerzeit Mitarbeiter am Institut für Soziologie der LMU München, mit schwarzer Tinte ein paar Zeilen in ein Exemplar seines soeben erschienenen Buches "Das Regenmacher-Phänomen. Widersprüche und Aberglaube im Konzept der lernenden Organisation."

In diesem Buch, heisst es da, stecke mehr reflexive Moderne, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Stefan Kühl: Das Regenmacher-Phänomen
Stefan Kühl: Das Regenmacher-Phänomen

Ulrich Beck, der Adressat der Widmung, scheint das auch auf den zweiten Blick anders gesehen zu haben. Das Buch gehört jetzt jedenfalls mir. Ein schönes, ungelesenes Exemplar. Erstanden in einem Münchener Antiquariat.

Mein erster Autograph. Und was für einer schöner!

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Montag, 15. Mai 2006
Freibier oder Sozialismus! Zur geistigen Lage der Fernsehnation
Länger als 10 Minuten halte ich diesen Stuss einfach nicht aus. Irgendwie ähnelt "Sabine Christiansen" starkt einem Format wie "Genial daneben". Mit sinnlosem Quasseln billigst Sendezeit füllen. Das klappt. Und nervt.

zapp...zapp...zapp... DAS hier hat dagegen wirklich Klasse!

"Du sagst doch immer: Freibier oder Sozialismus"
"FREIHEIT! FREIHEIT! Du dusselige Kuh!"


Alfred Tetzlaff vorm Fernseher zur Lage der Nation:



Heeerrlich...

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Samstag, 13. Mai 2006
Happy Birthday Buddha!
Kulturschock: Den Weg in die Bibliothek musste ich mir heute durch eine Menge fröhlich gelaunter Menschen erkämpfen. Ortsansässige Buddhisten (Expatriots, Immis) feiern öffentlich den Geburtstag Buddhas mir einer Waschungszeremonie. Lachend stehend sie an, vor die Gottheit treten zu dürfen. Einer nach dem andern.

Buddha's birthday

Der Farbklecks steht der Stadt gut. Die unverkrampfte Heiterkeit auch. Werde die Mitgliedschaft im rheinischen Buddhismus beantragen, wenn die Oranier mich nicht wollen....

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Montag, 8. Mai 2006
Neoliberales Biedermeier: Künstlerleben und Lebenskünstler heute
Künstler sind ausgewiesene Experten der Selbstbeschäftigung. Und notwendigerweise darin, ein Leben in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu organisieren. Das nimmt Michael Rutschky zum Anlass, in einem Essay im Deutschlandfunk, das Leben der Boheme als Existenzform zubetrachten, die sich in den Beschäftigungsbedingungen heutiger Tage wiederfindet. Freelancer, die freien "Webdesigner" allen voran, sind eine zeitgenössiche Erweiterung des gleichen Themas: die elektronische Boheme.

Nachtrag

Höre auch: Adrienne Goehler im Kulturinterview (Deutschandfunk), die in diesem Sinne den Avantgarde-Mythos wiederkäut: "Mehr Macht den Kreativen" (Denn produziert wird jetzt im Osten...).

In der aktuellen Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), "Sexy Mythos. Selbst- und Fremdbilder von Künstler/innen" werden die gesellschaftlich konstruierten Bilder vom Künstler bzw. vom Künstlersein verhandelt und zerpflückt. Und lächerlich gemacht. Gar nicht komisch die Arbeit der Estin Kai Kaljo "The More I Work, the Poorer I Am".

Arbeit macht arm. Künstler sein muss man sich leisten können. Nur "Aquarelle werden gern gekauft". Jedenfalls im Marienhof...



annette hollywood: anette hollywood starring Regina Zirkowski, in: Sexy Mythos (NGBK, Berlin)

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Samstag, 6. Mai 2006
Mariannenplatz, rot verschrien
Ich fühl' mich gut, ich steh' auf Berlin. Drum auf, hinaus zum revolutionären 1. Mai. Dachte ich, letzte Woche.

Auf dem Mariannenplatz: Myfest statt Mai-Demo. Kirmes in Kreuzberg. Das Volk stielt den Revolutionären die Show. Gut bürgerlich die Szene: Grillwürste, Luftballons, Nippes- und Schaubuden, Polizisten bieten Verkehrserziehung für die Kleinen als Attraktion. Der Innensenator lobt den politischer gewordenen 1. Mai. Polizeipräsident und Verfassungsschutzpräsidentin marschieren mit dem schwarzen Block. "Vereinzelt fliegen Frisbees" (taz). Kein Witz.

Einfach abfinden damit, dass sich nur noch das Volk, nicht aber die Verhältnisse zum Tanzen bringen lassen? Blödsinn. Die Revolution braucht neue Helden. Viva! Viva la especulacion!

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